Meine Tochter nennt eine andere Frau Mama

Meine Tochter nennt eine andere Frau Mama

Wie ist es eigentlich, wenn man die Tochter einer anderen Frau liebt und sich wie ihre Mutter fühlt, obwohl diese Rolle ja eigentlich schon besetzt ist?

Vor langer Zeit wurde ich vom Magazin “Ungerade Kalenderwoche” darum gebeten, einen Blogeintrag darüber zu schreiben, wie es ist, das Kind einer anderen Frau zu lieben. Ich habe dem sofort zugestimmt – das Thema lag mir quasi bereits auf der Zunge, weil ich meine Stieftochter wirklich sehr liebe.

Meine Tochter, die ich nicht selbst geboren habe

Jetzt, 20 Seiten später, habe ich immernoch das Gefühl, dass die Worte nur so aus mir heraussprudeln. Aber wie kann ich die spezielle Liebe beschreiben, die ich für meine Tochter fühle? Die Tochter, die ich nicht selbst geboren habe. Die Tochter, die eine andere Frau Mutter nennt.

Lassen Sie mich von vorne beginnen …

Als ich erfahren habe, dass mein Mann eine Tochter hat, hatte ich keine Ahnung, was auf mich zukommen würde. Ich kann mich daran erinnern, dass ich damals meinte, es sei ein Pluspunkt, weil es bedeutet, dass er reif genug war und Verantwortung übernehmen konnte.

Als mein Mann mir ein Foto von dem süßesten, kleinen, dicken Lockenkopf zeigte, wurde ich sofort eingewickelt, genau wie bei ihrem Vater.

Die Liebe zwischen meinem Mann und mir war intensiv und leidenschaftlich. Auch wenn wir beide viele Altlasten mitbrachten, war uns klar, dass das der Anfang von etwas wirklich Bedeutendem war.

Weil ein Kind involviert war, entwickelten sich die Dinge recht schnell. Der Beschützerinstinkt meines Mannes gegenüber seiner kleinen Tochter war sehr groß und resultierte in der ständigen Frage: “Akzeptierst Du sie oder nicht? Ich möchte meine Tochter nur einbeziehen, wenn es Dir wirklich wichtig ist.” Und ich wollte.

Meine Idee des Familienlebens musste revidiert werden

Ich hatte von Kindesbeinen an eine feste Vorstellung, wie das Familienleben einmal für mich aussehen sollte. Und, lassen Sie mich ehrlich sein, diese Vorstellung beinhaltete keineswegs das Kind einer anderen Frau. Trotz der großen Verliebtheit rüttelte diese Situation an meinem Fundament und ich musste lerne, meine Träume und Wünsche von einer anderen Perspektive aus zu betrachten. Ich wusste, dass ich mehr als die Freundin ihres Vaters sein würde. Mein Mutterinstinkt ist viel zu gross, um nur Statist zu sein und das Gefühl der Konkurrenz zwischen “Team Vater und ich” gegen “Team Vater-Tochter” wollte mir auch nicht gefallen.

Zudem wünschte mein Mann sich eine Partnerin, die am Leben seiner Tochter teilnahm, und somit enstand sehr schnell unsere gemeinsame Wertegrundlage.

So begannen wir mit einer Phase, wo ich Papas Freundin war, was neu, befriedigend und spannend war und wo ich mich gleichzeitig mit Mädchenangelegenheiten und Perleplatten auseinandersetzte.

Die Loyalität zur Mutter als Test

Anschließend folgte eine Loyalitätsbekundung an ihre Mutter, wo meine Stieftochter bei allem, was ich ihr bot ganz fleißig hinzufügte “das kann meine Mama auch”. Danach kam eine Phase von Eifersucht, in der sie meine Hände wegriss, sobald ihr Vater meine Hand nahm oder sich zwischen uns auf das Sofa quetschte. Zuletzt kam eine kurze Episode, wo alles ignoriert wurde, was ich ihr als Grenzen setzte und dann beruhigte sich die ganze Situation endlich.

Mein Ratschlag, wie man am besten durch solche Phasen kommt ist, wenn Sie mich fragen, Stabilität und Freundlichkeit beizubehalten. Liebe ist nicht immer möglich oder kommt natürlich. Aber mit Freundlichkeit kommt man weit. Und eine Menge Heulattacken in den Armen meines Mannes, wenn die Kleine schlief.  Das ließ sich nicht vermeiden, wenn man sich tagtäglich von einer dreijährigen schlecht behandelt und terrorisiert fühlt.

Als meine Stieftochter schließlich herausfand, dass ich als ein zusätzlicher Erwachsener für sie da war und keine Bedrohung darstellte, die ihr ihren Vater wegnehmen wollte, fing unsere Beziehung an Formen anzunehmen.

Wir genossen es, Zeit miteinander zu verbringen und unsere Beziehung wurde immer enger. Ich kann mich ganz deutlich daran erinnern wie es war, als sie mich auswählte, um sie zu trösten, und wie es war, als ich sie ins Bett bringen durfte. Ich erinnere mich an die Liebe, die sie mir plötzlich gab, und die ich ganz schnell ergriff und nicht mehr losließ.

Heute ist sie auch meine Tochter

Heute sind wir enger als je zuvor. Ich stelle sie als meine Tochter, und ich selbst stelle mich als ihre Stiefmutter vor, auch wenn sie mich inzwischen Mama nennt, wenn wir Zuhause sind.

Ich bin diejenige, die am meisten Zeit mit ihr und ihrem Vater verbringt – die sich um ihr Wohlergehen mit Leib und Seele sorgt. Wie viele andere Mütter erkenn ich ihre Nöte und Wünsche, bevor es ihr selbst bewußt wird. Wir können die meiste Zeit über die Sätze der anderen vollenden und erraten, was der andere denkt. Es ist ganz surrealistisch so eine enge Verbindung zu einem Kind aufzubauen, mit dem man nicht die kleinste DNA gemeinsam hat. Und trotzdem schaue ich auf sie und sehe mich selbst.

Ich bin ihrer Mutter sehr dankbar

Von tiefstem Herzen bin ich ihrer Mutter dankbar für die Beziehung, die ich zu meiner Stieftochter aufbauen konnte.

Ich bin auch dankbar dafür, dass ich einen Platz eingeräumt bekam und als Teil ihres Lebens akzeptiert wurde. Auch wenn es manchmal drunter und drüber geht zwischen unseren 2 Familien, wird sie immer meine Anerkennung und meinen Dank haben für die Chance, ein Teil im Leben ihrer Tochter zu sein.

Previous Ein guter Rat: So bewahrt man Freundschaften trotz großer Entfernung zwischen 2 Zuhause
Next Was bedeutet der Betreuungswechseltag für die Kinder?

Das könnte Ihnen auch gefallen

Das Wohlergehen der Kinder

Bericht eines Scheidungskindes

  „Ich bin Scheidungskind und kann ein Lied davon singen, wie eine Scheidung für Kinder NICHT ablaufen sollte.“ Das hätte ich mir bei der Scheidung meiner Eltern anders gewünscht… Laura

Die Scheidungsfamilie

Wie war das nun mit Weihnachten in Scheidungsfamilien?

Ja, wie war das denn nun mit Weihnachten in Scheidungsfamilien? Weihnachten steht vor der Tür und dies ist eine Zeit, die extra Planung in Scheidungsfamilien und Trennungsfamilien fordert. Sind wir

Bis jetzt noch keine Kommentare

Bis jetzt noch keine Kommentare

Sie können der erste sein, welcher diesen Beitrag kommentiert!

Hinterlasse einen Kommentar